EL HELICOIDE

El Helicoide:
La Revolucíon
Eine utopische Nachnutzung -Ein Parlament im Barrio.

Das Gebäude mit dem ich arbeitet trägt den Namen El Helicoide – das Schneckenhaus und liegt in Caracas, Venezuela. Schon während meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich mich mit seiner Entstehung in den 1950 er Jahren und seinen Nutzungen bis heute beschäftigt. Als Einkaufszentrum geplant, jedoch wegen politischer Umbrüche nie als solches genutzt, wird El Helicoide seit nunmehr 20 Jahren vom venezolanischen Geheimdienst belegt. Der Geheimdienst untersteht dem Diktator Nicolás Maduro. Seitdem der Ölpreis immer weiter fällt und somit Venezuelas größte und nahezu einzige Geldquelle zu versiegen droht, werden die Rufe der Bevölkerung nach einer neuen Regierung und einem neuen Präsidenten immer lauter. Korruption und Misswirtschaft, sowie der Verfall der demokratischen Werte wie der Meinungsfreiheit oder die Trennung der Gewalten haben das karibische Land in eine andauernde schwere Krise gestürzt. Seit April 2017 gehen täglich hunderttausende Venezolaner auf die Straße um gegen die aktuelle Regierung zu demonstrieren und Neuwahlen zu erreichen. Die Ausschreitungen werden brutal niedergeschlagen und politische Gegner im Helicoide, trotz Verbot der Menschenrechtsbehörde festgehalten, gefoltert und ermordet. Am 5. Juli 2017 brachen Regierungsanhänger in das aktuelle Parlamentsgebäude ein und verletzten Abgeordnete.

Mein Entwurfsansatz ist es, El Helicoide nach dem Sturz der jetzigen Regierung als ein Symbol des Neuanfangs und der Demokratie in Venezuela als ein teils öffentliches Parlamentsgebäude umzunutzen. Die Besonderheit des neuen Regierungsgebäudes liegt vor allem auch in seiner Lage. Direkt in der formell geplanten und erschlossenen Hauptstadt, liegt der Roca Tarpeya. Er ist eine Bergkette auf dem Plateau auf dem Caracas liegt. Während der Stadtplanungen in den 1950 er Jahren wurde der Berg künstlich durch eine Autobahn getrennt und an einem Ende der Helicoide errichtet. Durch die Landflucht wurde der Wohnraum in der formellen Stadt nur noch für Privilegierte finanzierbar. Deshalb wurde der steile Hügel mit informellen Siedlungen besetzt. Dieses sogenannte Barrio heißt San Agustín und hat 59.500 Einwohner in ca. 12.500 Behausungen auf ca. 145 ha Fläche. San Agustín wird durch die extreme Topographie von der formellen Stadt getrennt, was eine hohe Kriminalitätsrate sowie Versorgungsdefizite aller Art mit sich bringt. Die städtebauliche Idee ist die Auflösung der topographischen Grenzen zwischen formeller und informeller Stadt um so die Segregation der Barriobewohner zu verringern. Mit einem „Barrio Boulevard“ entlang des Grades der Roca Tarpeya und Verbindungselementen möchte ich die Durchmischung verschiedener Gesellschaftsklassen und Nutzer ermöglichen. Anknüpfend an die Metrocable Bahn, die 2008 von Urban Think Tank realisiert wurde, möchte ich El Helicoide mit dem „Barrio Boulevard“ an die Universität im Westen anschließen. Dazu wird die aktuelle Seilbahnanlage um eine Station zur Universität im Westen hin erweitert. Die extremen Höhenunterschiede werden mit Treppen, Rolltreppen, Aufzügen, Schrägaufzügen und einer Brücke überwunden. El Helicoide spielt dabei die Rolle des Öffentlichen Knotenpunkts, an dem sich die verschiedenen Nutzergruppen treffen. Diese sind die marginale Bevölkerung im Barrio, Angestellte Studenten und Kleinunternehmer aus dem Barrio, privilegierte Stadtbewohner und Politiker. Deren Wege kreuzen sich bei dem Weg zu Infrastruktur, Veranstaltungen, beim entspannen im Park, beim demonstrieren, auf dem Weg zur Arbeit oder zu den Handelszonen entlang des „Barrio Boulevards“.
Vor der Umnutzung zum Parlamentsgebäude war El Helicoide für den Autoverkehr konzipiert. Autobahnzubringer führen direkt auf die zwei läufige Spirale, die sich als Straße einem Gebäude verdichtet. Mit der aktuellen Nutzung des Geheimdiensts sind diese Flächen nicht öffentlich zugänglich. Nach der Intervention werden die Autobahnzubringer gekappt und der Straßenraum des Helicoides ist ausschließlich für den öffentlichen Fußgängerverkehr gedacht. Die ehemalige Autobahnauffahrt wird als Parkfläche umgestaltet und bietet Raum für Demonstrationen und die Öffentlichkeiten. Der Park hat aber auch erschließende Funktion und verknüpft die formelle Stadt mit dem Gebäude. Über El Helicoide wird es auch den Barriobewohnern ermöglicht, komfortabler auf die Angebote der formellen Stadt wie Bildung, Kultur, Konsum, Gesundheitsversorgung, Lebensmittel, Mobilität, Religion oder Gastronomie zuzugreifen. An den entsprechenden Attraktorpunkten werden die spezifischen Verbindungselemente gesetzt. Dadurch entstehen neue Qualitäten und Nutzungen an den jeweiligen Verbindungen, wie z.B. die Aktivierung der Wege im Inneren des Barrios, die Verbesserung des Wirkungsradius der Metrostationen und den neuen Handelszonen entlang der aufgelösten Barriokanten. Hier entstehen Treffpunkte sowie Spiel- und Sportplätze.
Das Bestandsgebäude das von 1957-1993 mit mehreren Unterbrechungen erbaut wurde, hatten die Architekten Jorge Romero Gutierréz, Dirk Bornhorst und Pedro Neunberger in Zusammenarbeit mit Burle Marx und Buckminster Fuller geplant.

Für weitere Details, Pläne und Informationen zum Projekt , schreib an raphaela@raphaela-buchberger.de